Schlagwort: Bienenzucht

Der Bienendoktor

Bienen

Die Honigbiene spielt eine entscheidende Rolle für die biologische Vielfalt und die Produktion von Nahrungsmitteln für den Menschen. Intensive Landwirtschaft, Krankheiten und Parasiten setzen in Teilen der Welt die Population unter Druck. Giovanni Formato ist Experte für Honigbienen und setzt sich in seinem Labor für die Gesundheit der Bienen ein. Er sieht hierin eine wichtige Aufgabe für Tiermediziner.

Die Bienen zählen zu den am härtesten arbeitenden Lebewesen der Welt. Zusammen mit anderen Bestäubern sorgen sie für die Kreuzung und die Vermehrung und somit für die Vielfalt zahlloser Wild- und Kulturpflanzen. Daher haben Bienen eine zentrale Bedeutung für das Wohlergehen und die Lebensgrundlage der Menschen. Weltweit sind rund zwei Drittel der für den menschlichen Verzehr angebauten Nahrungsmittel auf Bestäubung angewiesen. Darüber hinaus produzieren Bienen weltweit jährlich 1,7 Milliarden Tonnen Honig (ganz zu schweigen von anderen Bienenprodukten wie Pollen, Propolis, Gelée Royale und Wachs). Infolge von intensiver Landwirtschaft, Pestizideinsatz, Krankheits- und Parasitenbefall hat die Anzahl der Bienen in Teilen der Welt drastisch abgenommen. Dies könnte erhebliche Konsequenzen auf unsere Nahrungsversorgung haben.

Während der Bienensektor in den Niederlanden keine wesentliche Bedeutung hat, ist er in einigen Ländern Südeuropas – insbesondere im Mittelmeerraum – sowie in den USA ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig. Dies gilt auch für Italien, wo sich „Bienendoktor“ Giovanni Formato Tag für Tag intensiv dafür einsetzt, die Gesundheit von Bienen und Verbrauchern gleichermaßen zu erhalten.

Mit einem Arzt als Vater und einer Mutter, die ehemals als Krankenschwester tätig war, stammt der 1970 geborene Giovanni aus einem medizinisch geprägten Umfeld. Dennoch entschied er sich nicht für Human- sondern für Veterinärmedizin. „Natürlich hätte ich mir trotzdem niemals vorstellen können, dass ich letzten Endes mit Bienen arbeiten würde. Ich begann mein Studium mit dem Gedanken, Haustier-Veterinär zu werden. Später änderte sich meine Vorliebe hin zu Nutztieren.“ Nachdem er den entsprechenden Abschluss erworben hatte, arbeitete er eine Weile als Volontär, u. a. bei dem wissenschaftlichen Institut, wo er auch heute noch tätig ist. Anschließend absolvierte er ein Masterstudium in Pathologie der Honigbienen an der Universität Pisa. „Als ich hier anfing, wurde der Bienensektor nicht sehr ernst genommen; man betrachtete ihn eher als etwas für Leute, die sich hobbymäßig mit Bienen beschäftigen. Ich begann damit, Protokolle für Bienenkrankheiten zu erarbeiten. Später bat man mich, innerhalb unseres Instituts einen Bereich für Bienenforschung aufzubauen, aus dem letztlich das Labor für Bienenkunde wurde, das ich heute leite.“

In seiner Abteilung fokussiert sich Giovanni auf Krankheiten der Honigbiene. „Wir entwickeln Präventionsmethoden für Bienenzüchter, um sie zu befähigen, ihre Bienenvölker gesund zu erhalten und Krankheiten erkennen und dagegen angehen zu können. Wir arbeiten eng mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen zusammen, da das Interesse an Nahrungsmittelsicherheit und biologischer Vielfalt groß ist.

Bedeutung der Bienen

„Bienen sind nicht nur aufgrund ihrer Produkte, wie z. B. Honig, von großer Bedeutung, sondern vor allen Dingen, weil sie die biologische Vielfalt und die Pflanzenproduktion garantieren“, so Giovanni. „Ein Großteil der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen wird durch Bienen bestäubt. Aus diesem Grund sind sie unverzichtbar für die weltweite Nahrungsmittelproduktion. Da Bienen ihre wichtige Tätigkeit im Grunde kostenlos ausführen, wurde ihnen bislang keine große Aufmerksamkeit geschenkt. In den letzten Jahren gab es jedoch eine alarmierende Anzahl an Fällen von massivem Bienensterben, wodurch die Bedeutung einer gesunden Bienenpopulation größere Beachtung fand. Mit unserem Institut versuchen wir weltweit, Regierungen diese Wichtigkeit zu vermitteln und gemeinsam mit ihnen arbeiten wir an der Bekämpfung von Krankheiten, die den Bestand der Honigbienen bedrohen. Unser Ziel ist es, die Qualität der Bienenhaltung zu verbessern und Bienenprodukte auf ein hohes Niveau zu bringen und dieses auch langfristig zu halten.“

Bienenstöcke
In seiner Abteilung fokussiert sich Giovanni auf Krankheiten der Honigbiene.
Foto: Privat von Giovanni Formato.

Gefahren für die Bienen

Laut Giovanni sind Bienenvölker durch eine Vielzahl von Faktoren gefährdet. „Durch den globalen Handel mit Bienenvölkern sowie mit Obst und anderen Feldfrüchten verbreiten sich alle möglichen Krankheitserreger und Parasiten extrem schnell. So z. B. der Kleine Beutenkäfer () Aethina tumida ), ein Parasit, der ursprünglich aus Südafrika stammt, jedoch schon seit fünf Jahren auch in Süditalien auftritt, und ganze Bienenvölker vernichten kann. Bienenzüchter und Tiermediziner gleichermaßen sind auf dieses Szenario nicht hinreichend vorbereitet. Ihnen fehlen das erforderliche Wissen, die Ressourcen und eine funktionierende Zusammenarbeit, um den Käfer erfolgreich zu bekämpfen. Auch wenn es gelungen ist, den Parasiten in Sizilien auszurotten, lässt sich die Ausbreitung auf dem Festland nicht mehr aufhalten und er wird sich letztlich in ganz Europa ausbreiten. Das einzige, was wir tun können, ist, die Bienenhalter zu informieren, wie die Kontamination verhindert und somit die Verbreitung verlangsamt werden kann.“ In den USA breitete sich der Kleine Beutenkäfer innerhalb von vier Jahren von Kalifornien in alle anderen Bundesstaaten aus und hatte damit verheerende Folgen für die Bienenpopulation.

Eine weitere Bedrohung für die Bienen stellt die intensive Landwirtschaft dar. „Aufgrund des in der Landwirtschaft praktizierten Monokultur-Anbaus finden Bienen nicht mehr ausreichend Nahrung“, erklärt Giovanni. „Auf der ganzen Welt findet man vielerorts extensiv bewirtschaftete Bereiche, in denen nur eine einzige Kulturpflanzensorte, wie z. B. Soja, angebaut wird. Damit können Bienen nichts anfangen. In der Landwirtschaft ist unbedingt ein nachhaltigeres Konzept mit einer größeren Artenvielfalt erforderlich. Möglich wird dies durch den Anbau von Kulturpflanzen, von denen Bienen und andere Bestäuber sich ernähren können sowie durch die Bereitstellung von honigtragenden Pflanzen (Trachtpflanzen), die in von starker Monokultur geprägten Regionen eine Futterquelle für die Bienen darstellen.“

Auch der häufige Pestizideinsatz in der Landwirtschaft hat katastrophale Folgen für die Bienen. „Besonders im Frühjahr, wenn sie vielerorts massive Vergiftungen hervorrufen“, so Giovanni. „Dies hat nicht nur große Verluste bei den Bienenbeständen zur Folge, sondern das eingesetzte Gift landet letztlich auch im Honig und anderen Erzeugnissen aus der Bienenzucht. In einigen Regionen ist es aufgrund der fatalen Kombination aus Monokultur und Pestiziden nicht einmal mehr möglich, Bienen zu halten.“

Mangel an Wissen

Trotz der zahlreichen Bedrohungen, mit denen die Honigbienen zu kämpfen haben, ist – im Widerspruch zur landläufigen Meinung – kein globaler Rückgang in der Bienenpopulation festzustellen. „Im Gegenteil. Tatsächlich nimmt die Anzahl der Honigbienen weltweit zu“, erklärt Giovanni. „Laut der FAOSTAT ist eine gewisse Zunahme zu erkennen, insbesondere in Asien.“ Das bedeutet jedoch nicht, dass es keinen Anlass zur Sorge gibt. „Die Verbreitung sowie die Zunahme von Bienenkrankheiten über ganze Kontinente hinweg ist ein Grund für große Besorgnis. Ich hoffe sehr, dass Tiermediziner sich stärker auf dem Bienensektor engagieren werden. Ihre Fachkompetenz wird dringend benötigt. Nicht nur zur Erkennung und Bekämpfung von Krankheiten, sondern auch, um Bienenzüchter über eine gute Bienenhaltungspraxis (Good Beekeeping Practices, GBP) zu informieren und somit andere Probleme (Sterblichkeit von Honigbienen, Anwendung von Tierarzneimitteln) zu verhindern. Leider verwenden Bienenzüchter mitunter alle möglichen legalen und illegalen Substanzen, einschließlich Antibiotika – eine Praxis, die nur unzureichend durch Tierärzte oder andere Behörden kontrolliert wird. Allerdings herrscht auch bei den Tiermedizinern ein großer Mangel an Wissen.

An zahlreichen veterinärmedizinischen Fakultäten findet dieses Thema nur geringe oder gar keine Beachtung und es gibt so gut wie keine Regulierung. Es ist jedoch wie bei anderen Nutztieren – denn genau das sind sie – auch: Eine gute Regulierung ist wichtig für Wohlergehen und Nahrungsmittelsicherheit gleichermaßen. Tiermediziner spielen dabei eine wichtige Rolle: Mit verantwortungsvoller Verwendung von verschreibungspflichtigen Medikamenten und einer guten Unterstützung beim Umgang mit diesen kann viel erreicht werden. Glücklicherweise wird dies auch in der Welt der Tiermedizin erkannt und zunehmend steht im Studium der Veterinärmedizin auch die Bienenheilkunde auf den Lehrplänen.“ Seit dem laufenden Studienjahr bietet die veterinärmedizinische Fakultät in Utrecht einen Fakultativ-Kurs in Bienengesundheit für Studenten im zweiten Studienjahr an.

Regierungen

Auch Regierungen spielen eine wichtige Rolle, stellt Giovanni fest. „Erst einmal mit einer guten Politik für eine nachhaltigere Landwirtschaft und eine bessere Zusammenarbeit zwischen Landwirten, Bienenzüchtern und Tiermedizinern. Darüber hinaus plädiere ich für strenge Regulierungen im Hinblick auf den Einsatz von Medikamenten. Dieser sollte nur auf Rezept eines Veterinärs hin gestattet sein. Auf europäischer Ebene hat die EU jetzt Mittel für Bienenhalter bereitgestellt, die bei der Bekämpfung von Krankheiten und Parasiten einen nachhaltigen Ansatz verfolgen oder sich für Bienenarten entscheiden, die eine höhere Resistenz gegen diese aufweisen. Ich habe den Eindruck, dass der Landwirtschaftssektor sowie nationale und supranationale Organisationen zunehmend die Bedeutung einer gesunden und nachhaltigen Bienenhaltung erkennen.

“Es ist wichtig, dass die Welt der Tiermedizin nachfolgt. Giovanni erzählt: „Als ich mit dem Studium der Tiermedizin begann, ging es hauptsächlich um Rinder und Pferde. Später jedoch wurde zunehmend auch Hunden und Katzen Aufmerksamkeit geschenkt und heute beispielsweise auch der Aquakultur. Die Veterinärmedizin folgt diesbezüglich den Bedürfnissen der Gesellschaft. Ich hoffe, dass auch der Bereich der Bienenzucht seitens der Tiermediziner die Aufmerksamkeit erhalten wird, die ihm zusteht. Denn, wenn die Tierärzte sich nicht darum kümmern, werden es andere tun – mit allen daraus folgenden Konsequenzen. Denn nur Tiermediziner verfügen über ausreichende Kenntnisse und Fähigkeiten auf dem Gebiet der Medizin und der Pathologie. Daher müssen sie sich meiner Meinung nach dieser Sache annehmen.“

„Es ist wichtig, dass die Bienen wie jeder andere Nutztiersektor behandelt werden. Nicht nur im Interesse von Tierärzten und Bienenzüchtern, sondern auch für die öffentliche Gesundheit, die Sicherheit von Nahrungsmitteln und den Schutz natürlicher Lebensräume.“

avatar

Die Biographie von Giovanni Formato (1970)

Studium: Veterinärmedizin, Universität Bologna (1998), Master in Lebensmittelsicherheit von Tierprodukten – Universität Bologna (2003), Master in der Pathologie der Honigbienen, Universität Pisa (2009).

Tätigkeit: Leitung des Labors für Bienenzucht, Honigbienenprodukte und -krankheiten, Istituto Zooprofilattico Sperimentale del Lazio e della Toscana (IZSLT), Rom.

Außerdem: Vorsitzender des italienischen wissenschaftlichen Veterinärausschusses für Bienenzucht (Società Scientifica Veterinaria per l’Apicoltura; SVETAP).

Quelle:

Dieser Artikel wurde aus dem Niederländischen übersetzt und erstmals in der Juniausgabe 2019 des von Covetrus Netherlands herausgegebenen Tierarztmagazins VET veröffentlicht.

Author: Joan Koele.