Tierschutz: Lücke zwischen Theorie und Praxis

Tierschutz und die Lücke zwischen Theorie und Praxis. Bauer stehen im Kuhstall.Stichproben der EU-Prüfer ergaben, dass es auf Länderebene bei der Einhaltung der Mindeststandards noch immer Schwachstellen gibt. © Massimo Colombo / Getty Images

Tierschutz wird in vielen Bereichen schon sehr gut umgesetzt. Geht es allerdings um Nutztiere in der Fleischwirtschaft, mahlen die Räder der Bürokratie auffallend langsam. Dabei liegt der Tierschutz nicht nur den Menschen in Deutschland am Herzen, sondern wird mittlerweile auf EU-Ebene diskutiert. Ende 2018 wurden in Luxemburg bei einer offiziellen EU-Tagung Leitlinien zu Haltung, Transport und Schlachtung von Nutztieren herausgegeben. EU-Prüfer betonen, dass beispielsweise der Schutz von Schweinen großer Bestandteil des neuen Leitfadens ist. Diese Entwicklung ist sehr zu begrüßen und verglichen mit der Welt, gelten in der EU die höchsten Tierschutzstandards. Doch was kommt wirklich bei den Tieren an?

Vor Ort in den einzelnen Ländern scheitert es oft an der Umsetzung der Richtlinien. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, oder: Wo kein Kläger, da kein Richter. Ein flächendeckendes Kontrollorgan, das einzelnen Höfen und Schlachtereien unangekündigte Besuche abstattet, um die Lebensbedingungen der Tiere festzustellen, wäre sehr zu begrüßen. Stichproben der EU-Prüfer ergaben, dass es auf Länderebene bei der Einhaltung der Mindeststandards noch immer Schwachstellen gibt.

Tierschutz: Lücke zwischen Theorie und Praxis

Die GAP (Gemeinsame Agrarpolitik) der EU hat die Aufgabe, den Umweltschutz, die Lebensmittelsicherheit und den Tierschutz in der Union zu stärken. Laut GAP-Budget wird Deutschland in den Jahren 2021 bis 2027 ein Betrag von 365 Milliarden Euro für die Agrarförderung zur Verfügung stehen. Dieser Förderbetrag teilt sich in zwei Säulen: Die erste Säule deckt Direktzahlungen an Landwirte ab, die zweite Säule unterstützt gezielt Programme, die Nachhaltigkeit und eine umweltschonende Entwicklung fördern. Immer im Abstand von sieben Jahren wird neu über GAP-Budget und -Inhalte verhandelt. Doch auch im aktuellen Entwurf für die kommende Förderperiode mangelt es zum wiederholten Male an Anreizen, in das Tierwohl zu investieren.

Landwirte erhalten ihre Förderung nur, wenn sie die vorgegebenen Richtlinien einhalten. Aktuell wird an pauschalen Flächenprämien festgehalten, anstatt die Höfe und Betriebe nach deren Leistung zu beurteilen. Das Budget für die zweite Säule, welche für das Tierwohl und die Nachhaltigkeit steht, soll sehr stark gekürzt werden. Landwirte werden demnach zukünftig noch weniger Nutzen davon haben, in den Tierschutz zu investieren. Der Anreiz durch ein entsprechendes Budget ist nicht gegeben. Tierschutz kostet Geld. Durch die Kürzung der Mittel werden Landwirte, die sich für das Tierwohl engagieren, alleine gelassen. Positiv ist, dass die GAP in ihrem Entwurf für die nächste Periode zum ersten Mal den Tierschutz in seine Ziele überhaupt erwähnt.

Fleisch zu Dumpingpreisen

Der Preisverfall von Fleischprodukten kann stutzig machen. Vor wenigen Jahrzehnten war Fleisch ein Luxusgut, welches ein- bis zweimal wöchentlich verzehrt wurde. Heute steht fast täglich, manchmal sogar mehrmals am Tag Fleisch auf dem Speiseplan. Die günstigen Preise haben die Nachfrage steigen lassen. Doch Massentierhaltung und die Optimierung der Fertigungsprozesse gehen zu Lasten des Tierwohls. Eine intensive Landwirtschaft hat immens negative Auswirkungen auf Tiere, Umwelt und Klima. Ehrgeizige Ziele allein reichen nicht, um das Leiden der Tiere zu beenden. Die Lücke zur praktischen Umsetzung sollte schnellstmöglich geschlossen werden. Aktuell werden keine Sanktionen verhängt, wenn Tierschutzstandards nicht eingehalten werden.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Das BMEL ist auf nationaler Ebene unter anderem für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen zum Tierschutz zuständig. Es entwirft neue Gesetze und sorgt dafür, dass die tierschutzrechtlichen Vorschriften auf deren Einhaltung überprüft werden. Gemäß Gesetz dürfen keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden. Wirbeltiere dürfen nur unter wirksamer Betäubung getötet werden. Der Tierschutz ist etwa seit zehn Jahren im Grundgesetz verankert und umfasst die Haustiere, landwirtschaftliche Nutztiere, Zirkustiere und Versuchstiere in der Forschung. In Bezug auf die landwirtschaftliche Nutzung von Tieren hat die Bundesregierung neben dem Tierwohl die Sicherheit für den Menschen im Auge. Nur wenn die Tiere gesund sind, können die erforderlichen Produktstandards für Lebensmittel eingehalten werden. Kranke Tiere können die Gesundheit des Menschen gefährden.

Somit kommt einer regelmäßigen veterinärmedizinischen Untersuchung durch Sie als Tiermediziner ein besonders hoher Stellenwert zu. Die Kosten für die amtstierärztliche Beaufsichtigung trägt der Unternehmer eines Betriebs selbst. Daneben werden Veterinärassistenten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft als Organ zur Überwachung und Einhaltung der Vorschriften eingesetzt. Kommen Haustiere zu Tode, muss dies unverzüglich der zuständigen Behörde gemeldet werden. Dieser Meldung bedarf es nicht, wenn beispielsweise Kadaver von Schweinen in einem Betrieb durch eine zertifizierte Fachfirma regelmäßig abgeholt werden.

Tote Tiere werden in der Fleischindustrie als „tierische Nebenprodukte“ bezeichnet und wie Ausschussware behandelt, die in jedem Betrieb anfallen kann. Die Todesursache muss in solchen Fällen nicht durch Sie als Tierarzt überprüft werden. Mehr Transparenz in diesem Bereich, durch eine Überprüfung des entsprechenden Betriebs mit gefallenen Tieren, wäre im Sinne des Tierschutzes zu begrüßen.

Tiertransporte – Viel Rangelei ohne Ergebnis

Als Veterinärmediziner haben Sie mitunter nur eine geringe Einsicht in die tatsächlichen Zustände in einem Betrieb oder für Tiere während eines Tiertransports. Die Zahl der Tiere, die innerhalb Deutschlands und der EU transportiert werden, steigt weiter an. Jedes Jahr werden mehrere hundert Millionen Tiere in EU- oder Drittländer exportiert. Die Tiere stehen tagelang, teilweise bis zu zwei Wochen und länger auf engstem Raum zusammengepfercht in dunklen Lastwagen. Nicht selten kommen die Tiere tot am Zielort an. Die Tiere, dabei auch trächtige Schweine und Kühe, müssen oft tagelang ohne ausreichend Futter und Wasser auskommen. Auch Abladepausen gibt es nicht. In den Zielländern werden die Tiere häufig grausam, ohne den Einsatz einer Betäubung geschlachtet.

Erst ein Streik der Amtsveterinäre Anfang 2019 machte die Öffentlichkeit auf diese Zustände aufmerksam. Was ist seither geschehen? Das Thema ist zwar in der Politik angekommen, doch anstatt zu handeln, beginnt eine Rangelei um Zuständigkeiten. Nachdem das Thema nun einige Male in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, ist es nun wieder still geworden. Die Politik scheint auf Zeit zu spielen, mit dem Wissen, dass Skandale oft genauso schnell verpuffen und aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwinden, wie sie aufgeflammt sind. Zudem wird dem Verbraucher eine Mitverantwortung auferlegt. Möchten Menschen die Lebensbedingungen von Nutztieren verbessern, sollen sie mehr zahlen.

Tierschutz: Das Fazit

Folgendes lässt sich festhalten: Die Gesetze und Regelungen lesen sich sehr gut. Ob diese allerdings in die Tat umgesetzt werden, ist fraglich. Eine politische Mehrheit, die sich gegen die aktuelle Lage ausspricht, gibt es aktuell nicht. Doch Sie als Tierärzte und Verbraucher benötigen die Unterstützung der Politik, um eine wirkliche Verbesserung für die Tiere zu erreichen. Dabei stellt sich immer die Frage, welche Interessen in Wahrheit unterstützt werden: die der Tiere oder die des wirtschaftlichen Wachstums.

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