Wann haftet der Tierarzt?

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Als Tierarzt tragen Sie eine große Verantwortung. Selbst scheinbar kleine Behandlungsfehler können schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Doch wann genau haften Sie und wer muss den Fehler beweisen? Grundlage für die Beantwortung dieser Fragen ist, inwiefern Sie sich nach den aktuellen medizinischen Standards verhalten haben. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs sind außerdem Sie als behandelnder Arzt und nicht der Besitzer des betroffenen Tieres in der Beweispflicht. Umso wichtiger ist, dass Sie Ihre ärztlichen Pflichten stets sorgfältig einhalten. Darunter fallen unter anderem eine umfassende Untersuchung sowie die Wahl, Durchführung und Dokumentation sachgemäßer Behandlungsmethoden. Zahlreiche Urteile aus den letzten Jahren zeigen, dass jeder Fall tatsächlich immer individuell betrachtet werden muss. Nicht zuletzt dann ist eine vollständige Dokumentation Ihrer Behandlung von großer Bedeutung. Hier erfahren Sie, wann Sie als Tierarzt haften, wie die Gerichte in Einzelfällen urteilten und wie Sie sich absichern.

Wann haftet der Tierarzt?

Wir schreiben das Jahr 2010. Ein Pferd wird von einem anderen Pferd gegen das Bein getreten und die Pferdebesitzerin ruft einen Tierarzt, um das geschädigte Tier zu behandeln. Dieser verschließt die Beinwunde ohne weitere Untersuchung und verlässt die Szene wieder. Später wird eine Beinfraktur festgestellt, die Behandlung ist erfolglos und das Tier muss eingeschläfert werden. Die Pferdebesitzerin verklagt den Tierarzt: Dieser hätte schon bei der ersten Behandlung eine Fissur, die zur Fraktur führen kann, erkennen müssen. Das Oberlandesgericht Oldenburg bestätigt den groben Behandlungsfehler in Form eines Befunderhebungsfehlers des Tierarztes. Doch führte dieser Fehler auch letztendlich zur Fraktur?

Lange Zeit waren es die Tierhalter, die Behandlungsfehler von Tierärzten nachweisen und auch die Kausalität von fehlerhaftem Verhalten und den Folgeschäden aufführen mussten. Ein Behandlungsfehler ist allgemein ein Fehler aufgrund der Zuwiderhandlung gegen allgemein anerkannte medizinische Standards. Als grob bezeichnet man einen solchen Behandlungsfehler dann, wenn er einem Arzt objektiv gesehen unter keinen Umständen unterlaufen darf.

Auf Grundlage des geschilderten Rechtsfalls von 2010 kam es am 10.05.2016 zu einem Urteil des Bundesgerichtshofs: Die in der Humanmedizin geltende Beweislastumkehr gilt auch für tiermedizinische Fälle. Aufgrund der besonderen Bedeutung von Fehlern bei der Behandlung von lebenden Organismen, wie es bei Menschen und Tieren der Fall ist, steht der behandelnde Arzt in der Beweislast.

Für Sie als Tierarzt bedeutet dies, dass Sie beweisen müssen, dass Sie Ihren ärztlichen Pflichten in jedem Punkt nachgekommen sind. Eine lückenlose Behandlungsaufklärung und Dokumentation sind dabei neben der sachgemäßen Behandlung wesentliche Kriterien. Anhand dieser kann der tiermedizinische Sachverständige, der im Falle eines Gerichtsprozesses eingeschaltet wird, Kausalitäten und Verantwortungen nachvollziehen.

Ihre Pflichten als Tierarzt

In dem Fall des geschädigten Pferdes sprach das Gericht dem Tierarzt einen Befunderhebungsfehler zu. Der Arzt hat es versäumt, das Pferd gründlich zu untersuchen, und somit eine unzureichende Diagnose gestellt, die zu einem Behandlungsfehler führte. Auch bei der Wahl und der Durchführung einer Behandlungsmethode können Fehler passieren, für die Sie als behandelnder Tierarzt haften. Dies zeigt ein Urteil des Amtsgerichts Ansbach vom 13.07.2017. In diesem Fall führte ein Tierarzt eine Kastration eines Pferdes im Stehen durch und verschloss die OP-Wunden mit Metallklammern. Diese entfernte die Pferdebesitzerin später auf ärztliche Anweisung hin selbst. Eine Nachkontrolle durch den Arzt erfolgte nicht. In der Folge trat eine Samenstrangfistel beim Tier auf, die eine Folgebehandlung verlangte. Die Tierhalterin klagte gegen die Übernahme der zusätzlichen Kosten. Das Gerichtsurteil war klar: Der Arzt hatte sich für eine nicht aktuelle Kastrationsmethode entschieden, die das Tier unnötigen Risiken aussetzte. Auch verzichtete er auf die notwendige Nachkontrolle.

Ein ähnlicher Fall führte schon ein Jahr zuvor zu einem Gerichtsurteil. Laut dem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm vom 12.09.2016 kam der behandelnde Arzt neben der unsachgemäßen Behandlung, die ein Multiorganversagen des Pferdes während der Kastration nach sich zog, seiner Aufklärungspflicht nicht nach. Der Arzt hatte vor der Operation den Pferdebesitzer weder über die unterschiedlichen Behandlungsmethoden noch über deren Risiken aufgeklärt. Laut einem Urteil vom 13.01.2015 des Oberlandesgerichts Hamm gilt eine vertragliche Aufklärungspflicht bei besonders risikoreichen Behandlungen. Dies beinhaltet sowohl eine Information über Risiken als auch über mögliche Behandlungsalternativen.

Schließlich stehen Sie in einer Dokumentationspflicht. Sie sind dazu verpflichtet, Tierhaltern die Behandlungsunterlagen ihrer Tiere auf deren Wunsch auszuhändigen, wie Laborberichte, Röntgenbilder und Operationsberichte. So musste nach einem Urteil des Amtsgerichts Mülheim an der Ruhr vom 21.07.2016 eine Hundehalterin die Kosten für eine Operation an ihrem Hund nicht übernehmen, da der Tierarzt diese nicht dokumentierte und auch die Röntgenbilder nicht bereitstellen konnte.

Besondere Fälle und Urteile

Behandlungsfehler können nicht nur dazu führen, dass Sie auf den Behandlungskosten sitzen bleiben. Unter Umständen kann der Tierhalter auch Schadensersatz verlangen. Dies ist vor allem bei wertvollen Tieren wie beispielsweise Sport- und Zuchtpferden der Fall. Bei finanziellen Interessen des Tierhalters sollen Sie also besonders die Aufklärungspflicht einhalten.

Neben Fehlern bei der Behandlung von Verletzungen und Krankheiten, zum Beispiel im Rahmen einer Operation, kann es auch bei mangelhaften Ankaufsuntersuchungen zu Streitfällen kommen. Grundsätzlich können sowohl der Verkäufer als auch der Tierarzt dafür haften, wenn der Käufer das Ergebnis der ärztlichen Untersuchung des Tieres vor dem Kauf infragestellt und vom Kauf zurücktreten will. Hier können Sie sich absichern, indem Sie eine Haftungsbeschränkung mit dem Verkäufer vereinbaren.

Doch wer haftet, wenn Sie selbst bei der Behandlung eines Tieres Schäden erleiden? Ein solcher Fall landete 2016 vor dem Oberlandesgericht Hamm. Ein Tierarzt wurde während der Behandlung eines Fohlens von der Stute getreten. In der Regel haftet der Halter bei Schäden, die durch sein Tier entstehen. Jedoch ist zu klären, inwiefern auch der Tierarzt Verantwortung für das Verhalten des Tieres trägt, das zum Schaden führte. In dem speziellen Urteil wurde dem Tierarzt eine Mitschuld zugesprochen, da der Schaden verhindert hätte werden können. Die Reaktion der Stute sei voraussehbar gewesen, da sich beide Tiere zum Zeitpunkt der Behandlung in einer engen Box befanden und die Stute großem Stress ausgesetzt war. Auch hier ist also verantwortungsvolles und sachgemäßes Verhalten aus Sicht des Arztes gefragt.

Schließlich gibt es viele Situationen, bei denen ein Behandlungsfehler auftreten kann. Auch der Umfang und die Art der Haftung sind letztendlich immer im Einzelfall zu klären. Die sorgfältige Einhaltung und Erfüllung Ihrer Pflichten nach den aktuell bestehenden medizinischen Standards sind dabei maßgeblich für Ihre eigene Absicherung.

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